Im Tal der Nagelschmiede
Silvia Pfaffenwimmer, für Servus, Seiten 136-139
Sie steckten in jedem Haus, in jedem Schiff, in jedem Schuh. Ihre Erzeugung ernährte ein ganzes Tal. Heute wären die Nägel und ihre Schmiede aus dem oberösterreichischen Dambach längst nur noch eine Erinnerung — wenn Franz Sallinger und seine Freunde nicht der Vergangenheit ein bisschen Zukunft schenken würden.
Unweit der Eisenstadt Steyr, wo der Dambach in die Enns fließt, nimmt die Geschichte ihren Anfang. Eine Geschichte, deren Wurzeln weit zurückreichen in eine Zeit, als noch alles Handwerk und noch nichts Industrie war. Es ist die Geschichte vom Dambachtal und seinen Bewohnern, die Geschichte vom "Tal der Nagelschmiede".
Fährt man heute zwischen sanft ansteigenden Hügeln den Dambach entlang, erinnert nur noch wenig an die Vergangenheit. Neue Häuser haben die kleinen Schmiedebetriebe — 37 waren es in der Blütezeit — ersetzt, kein Hämmern und Klopfen stört die Idylle des Frühlingstages. Bis einen auf halbem Weg durchs Tal die Geschichte einholt.
Aus einem geduckten Haus dringen kraftvolle Schläge, kein Zweifel, hier geht es zur Sache. Ein Blick durch die offene Haustür auf das flackernde Feuer in der Esse und auf fünf Männer im Lederschurz bringt die Erkenntnis: Da ist ja doch noch was.
"Nur herein!", ruft einer der hammerschwingenden Herren und lädt mit einer ausholenden Handbewegung in das rußgeschwärzte Innere der Werkstatt. Es ist der Weg in eine fast vergessene Arbeitswelt, begleitet vom Geruch nach Eisen und der Ungläubigkeit, dass es so etwas überhaupt noch gibt. "Ja, wir sind vermutlich die Einzigen in Europa, die das Handwerk noch beherrschen", sagt Franz Sallinger, ganz so, als ob er die Gedanken der Besucher lesen könnte.
Der rüstige Herr in den Siebzigern ist so etwas wie der "Manager" der Dambacher Nagelschmiede. Mehr als 300 Jahre lang war das Tal das Zentrum der Nagelschmiedekunst, ehe 1954 der letzte Betrieb schloss. Doch drei Jahrzehnte später erinnerte man sich der eisernen Tradition: Sechs Feuerwehrkameraden aus dem Ort traten eine Lehre bei Wilhelm Brettenthaler, dem letzten echten Nagelschmied von Dambach, an.
Die Nagelschmied-Neulinge lernten recht schnell, zumal sie alle eine Ausbildung zum Schmied oder Schlosser hatten. Rasch machten sie sich einen Namen und demonstrierten auf Advent- und Handwerksmärkten ihr Können. Und so war es letztlich nur eine Frage der Zeit, bis sie sesshaft wurden. Weil aber keine der alten Schmieden mehr zur Werkstatt taugte, wurde kurzerhand eine neue nach altem Vorbild gebaut und 1998 im Zuge der Oberösterreichischen Landesausstellung eröffnet.
Unter den Lehrlingen war auch Brettenthalers Sohn Willibald: "Das Leben als Nagelschmied war nicht immer leicht", erinnert er sich an die Erzählungen seines Vaters. Man hatte ein bescheidenes Einkommen, dazu eine Kuh oder ein paar Ziegen und hielt sich damit so recht und schlecht über Wasser. Der Alltag der Schmiede hatte nichts gemein mit dem der "Schwarzen Grafen", die an den größeren Flüssen Hammerwerke betrieben und recht feudal lebten.
Dennoch, die Dambacher Schmiede waren kreative, lebensfrohe und oft recht musikalische Leute, die gern sangen und in ihrer knappen Freizeit die Nagelschmied-Krippen bauten: wunderbare Kastenkrippen mit aus Schlacke geformten Landschaften und den typischen "Loammandeln", in Modeln gegossenen Figuren aus Lehm.
"Die Arbeitszeiten waren fast wie heute. Nur: Gearbeitet wurde nicht von sieben bis fünf, sondern von fünf bis sieben", schmunzelt Brettenthaler junior. 14 Stunden am Stück und nicht selten im Akkord. Bis zu 2.000 Nägel am Tag schaffte ein guter Schmied. Wie anstrengend das war, erahnt man bei einem Blick in die Werkstatt und auf die vom Feuer und den unablässig niedersausenden Hammerschlägen geröteten Gesichter der Schmiede.
Vom Erzberg in die Esse
Einst wurde das Eisen vom Erzberg mit Flößen auf der Enns herangeschifft, auf Pferdefuhrwerke verladen und ins Dambachtal gebracht. Dort gab es zwei von Wasserrädern angetriebene Zainhämmer, die das klumpige Roheisen in unterschiedlich dicke Eisenstäbe klopften, im Fachjargon "strecken" oder "zainen" genannt. Die so entstandenen "Zoan" waren das Ausgangsmaterial für die Nägel. Heute werden die meisten Stäbe zugekauft, manchmal aber auch noch vor Ort mit einem kleinen Federhammer gezaint.
Der nächste Weg führt an die Esse. Dort, im Feuer, werden die Zaine erhitzt, bevor die Schmiede am Amboss den Spitz des zukünftigen Nagels ausschmieden. "Es dauert schon ein bissl, bis man das kann", sagt Willibald, während er auf den rotglühenden Stab einhämmert. Zu heiß darf das Eisen nicht sein, aber auch nicht zu kalt, sonst lässt es sich nicht formen.
Aufpassen heißt es auch, damit einen die flinken "Schmiedflöhe" nicht erwischen. Zum Schutz vor ihnen, die nichts anderes sind als wegstiebende Funken, tragen die Schmiede einen Lederschurz. Dazu nach altem Vorbild schwarze Lederkappen, ein Hemd aus Mühlviertler Leinen und hölzerne "Trittling".
Jetzt hatte der Nagel einen Spitz, aber noch keinen Kopf. Den bekommt er im nächsten Arbeitsschritt. Dazu wird das nun spitze und in der richtigen Länge abgeschlagene Eisenstück in das Nageleisen gesteckt, einen Rundling aus massivem Eisen mit einer Aussparung in der Dicke des jeweiligen Nagels.
Und dann heißt es wieder: hämmern, hämmern, hämmern, bis unter den geschickten Händen des Schmieds ein wohlgeformter Kopf entsteht. Ein kerniger, fünfschlägiger Piffl etwa oder ein sogenannter Scherken, mit dem die Sohlen der "Goiserer" bestückt waren.
Schuster waren die Hauptabnehmer der Nägel aus dem Dambachtal. Für jeden Schuh und jeden Zweck gab es den genau richtigen Nagel — ob für die feinen Schuhe der Herrschaft oder die groben Stiefel der Jäger und Holzknechte. Aber auch kleinere Gebrauchsnägel wurden hier produziert, solche, für die die Manneskraft beim Hämmern ausreichte. Größere Exemplare ließ man den Hammerwerken. Über die "Schwarzen Grafen" fanden die Nägel den Weg nach Böhmen, Ungarn und Serbien und sogar bis nach Russland.
Heute werden hauptsächlich Kunsttischler und Restauratoren bei den Schmieden in Dambach vorstellig. "Vor ein paar Jahren haben wir im Auftrag eines Burgherrn 4.000 Hellernägel geschmiedet", erinnert sich Franz Sallinger. Tramdecken, Beschläge, Truhen und Türen, aber auch profane Schaufelstiele verlangen halt noch immer nach handgeschmiedeten Nägeln.
Ebenso wie die Schuhe von Napoleon Bonapartes Gardisten. Oder, genauer gesagt, die Schuhe jener, die diese Gardisten im Zuge einer Jubiläumsfeier darstellten.
Weil sich in ganz Frankreich niemand mehr fand, der die Sohlen der Soldatenschuhe fachgerecht hätte benageln können, suchte der mit dem Auftrag betraute Schuster Hilfe bei den Schmieden in Dambach. Und machte hier zwei Wochen lang den Lehrling, um sich das nötige Wissen anzueignen.
Leben kann heute niemand mehr vom Nagelschmieden. Der Niedergang begann Mitte des 19. Jahrhunderts mit der Industrialisierung. Viele der Schmiede mussten aufgeben und sich in der 1864 von Josef Werndl in Steyr gegründeten Waffenfabrik verdingen.
Die heutigen Nagelschmiede von Dambach verdienen ihr Geld auch weniger mit der Produktion von Nägeln als mit Besuchern, die sie durch das Haus führen: Die Schmiede ist gleichzeitig Werkstatt und Museum.
Jetzt ist auch hier das Feuer in der Esse erloschen, die Ambosse sind verwaist. Aus der angrenzenden Stube hört man Gelächter und das Klirren von Flaschen. Feierabend für die Schmiede. Auf der Eckbank unter der Kastenkrippe sitzen sie beisammen, trinken, scherzen und wirken so gar nicht museal.
Manchmal, mit etwas Glück, hat die Vergangenheit eben doch auch Zukunft.