Ein Schützenfest in Dambach
Hermann Hubmer, Aus Garstens Vergangenheit
Soweit man sich erinnern konnte, hatte in Dambach das jährliche Armbrustschießen stets am ersten Sonntag im Oktober stattgefunden. Auch an den Satzungen, Regeln und dem damit verbundenen Brauchtum gab es im Laufe der Zeit keine wesentlichen Veränderungen. Während man von seiten der Obrigkeit dem Büchsenschießen wohlwollend-förderlich gegenüberstand, begegnete man dem Armbrustschießen mit einem erheblichen Mißtrauen. Dies mag damit begründet gewesen sein, daß letztere Sportart praktisch lautlos und das Gerät für jedermann leicht erwerbbar war. Im Büchsensport hingegen sah man mit Recht eine willkommene vormilitärische und zudem für den Staat nahezu kostenlose Ausbildung.
Allerdings waren während der Gegenreformation beide Schießsporte aus naheliegenden Gründen weitgehend verboten, wobei es erhebliche regionale Unterschiede gab. Beispielsweise herrschte in der Stadt Steyr, deren Bevölkerung sich fast zur Gänze zum Protestantismus hatte bekehren lassen, strenges Ausübungsverbot, während man sich im südlich davon gelegenen Siedlungsbereich, wo es wenig Probleme mit dem Protestantismus gegeben hatte, weitgehend tolerant zeigte. Dessen ungeachtet trachtete man hier in Dambach bei der Ausübung des Armbrust- oder Ballesterschießens — wie es auch benannt wurde — nach außen hin möglichst wenig in Erscheinung zu treten. Man begnügte sich daher mit einem jährlichen Mahlschießen im Oktober. Auch der feierliche Schützenzug, wie er in früheren Zeiten üblich gewesen, unterblieb.
Der Schießplatz selbst war eine Winkelschießstätte an der Rückseite der Derfler-Taverne. Eine Planke diente als Markierung des Standes mit einem auf vier Pfählen ruhenden, pultartigen Dach aus Reisig. Ebenso einfach gestaltet war die Scheibenwand in Form von etlichen auf Pfosten genagelten Brettern, mit Girlanden aus Tannenreisig und Herbstblumen geschmückt.
Wie immer geschah die Einladung zum Schießen nach altem Brauch durch Ladmänner, von denen jeder einen blumengeschmückten Ladstock trug, ähnlich jenen der Hochzeitlader. Sein Anliegen trug er in lustiger, manchmal auch gereimter Form vor. Geladen wurden die Schützen selbst mit ihren Frauen und Mädchen, sowie deren Verwandte und Bekannte. Es war also eine weitgehend geschlossene Gesellschaft, die irgendwie am Schützenwesen Anteil nahm. Am Vorabend trafen die Ladmänner mit den Schützen zum Andingen beim Wirt zusammen, mit dem sie alles das Mahl Betreffende besprachen und aushandelten. In dieser hinsichtlich Standeszugehörigkeit offenen Gesellschaft dominierten die Nagelschmiede, stellten sie doch den überwiegenden Anteil der Ortsbewohner.
An der mit Tannengirlanden geschmückten Haustüre wurden die Gäste vom Wirt und dem Schützenmeister begrüßt, von wo man sie zum Schießstand hinterm Haus begleitete. Wenige Schritte neben diesem war der Fahnlbaum mit den bunten Bändern als Wahrzeichen des Schützenmahls aufgestellt worden. Jeder Schütze zahlte zunächst beim Kassier seine Schußgebühr, worauf er einen Schußzettel mit Nummer erhielt, um sich dann zu einem der beiden Stände zu begeben, wo er auf seinen Aufruf wartete.
Mit der Armbrust wurde stehend frei mit markiertem Bolzen auf eine etwa 12 Meter entfernte Scheibe geschossen; die Treffer wurden unmittelbar nach jedem Schuß vom sogenannten Zieler draußen durch besondere Gesten angezeigt, wobei nach altem Brauch dafür gesorgt war, daß der Humor nicht zu kurz kam. So verneigte sich beispielsweise der nach Art eines Hanswurst kostümierte Zieler bei einem guten Treffer und zog dabei seine Spitzkappe oder er kletterte nach einem besonders schönen Schuß auf die Kante der Scheibenwand, wo er seine Possen trieb und nur auf gutes Zureden mit Versprechungen wieder herabzuholen war. Erst nach Beendigung der jeweiligen Schußserie übergab man die lediglich mit einem kräftigen Zentrumspunkt versehene Scheibe dem Schreiber zum Auszirkeln und schriftlichem Festhalten der Treffer. Für jeden davon durfte sich der Schütze ein Blümlein an den Hut stecken, der im übrigen beim späteren Mahl ein unentbehrliches Requisit darstellte.
Neben dieser Hauptscheibe gab es noch eine Laufscheibe und zwar in der Art, daß eine in Kontur und Bemalung den Oberteil eines Türken darstellende Scheibe ziemlich rasch über den Zielbereich gezogen wurde. Ein guter Treffer darauf erforderte natürlich besondere Geschicklichkeit.
Nach Beendigung des Schießens erfolgte die Preisverteilung mit Vergabe der Beste, wobei dem schlechtesten Schützen ein Schweinchen ("Sau") überreicht wurde.
Inzwischen war die Helle des Tages dem nun aufkommenden Zwielicht gewichen. In der Wirtsstube zu ebener Erde, wohin sich zuletzt alle Gäste begeben hatten, waren trotz zusätzlich herbeigeschleppter Bänke die Sitzgelegenheiten rar geworden. Endlich erfolgte das mit Ungeduld erwartete Zeichen des Schützenmeisters zur Einnahme des Mahles in dem kleinen Saal im Obergeschoß, wohin sich nun alles geräuschvoll über die hölzerne Stiege drängte. Etwa die Hälfte dieses Raumes nahmen wandseitig aufgestellte, schön gedeckte Tische mit Bänken und Stühlen ein, während der andere Teil als Tanzfläche rund um den die bunt geschmückte Holzdecke stützenden Pfeiler freiblieb. Nachdem die Schützen ihre Armbrüste an diesen Pfeiler gelehnt hatten, bewegten sie sich rings um ihn mit ihren Frauen und Mädchen eine Weile gemessenen Schrittes. Dann begab man sich zu Tisch in lockerer Ordnung, jedoch weitgehend gruppiert nach Alter und Stand. Bevor man sich dem Tanzvergnügen hingab, war eine ausgiebige Stärkung, das Schützenmahl, vorgesehen. An Appetit mangelte es nicht, und die von der Küche heraufströmenden Düfte taten ihr übriges. Schon trugen starke Arme Tabletts mit den Speisen herbei, begrüßt von freudigen Mienen und Zurufen der Gäste. Es gab Suppe, Rindfleisch mit allerlei Zutaten und goldbraun gebackene Krapfen als Nachspeise. Dazu spielten die Musikanten auf. Alsbald war reges Geplauder aufgekommen mit neckenden Zurufen und Gelächter hier und dort. An einer Tischrunde der Älteren mit Zainhammermeister Scharwöger, dem Förgen, dem Schmied in Mühlbach, den Nagelschmiedmeistern Tauberger und Kirchholzer sowie einigen Frauen und Verwandten von ihnen war man über das Wetter zum Austausch der Neuigkeiten des Alltags gelangt. Da jammerte die Ranftlbäuerin, daß ihre beste Kuh in diesem Jahr nicht "aufgenommen" habe, was den Förgen zu der mit schalkhaftem Schmunzeln hingeworfenen Frage veranlaßte:
"Stehst dich epper mit der Köblerin net guat?"
"Warum sollt i mi mit ihr net guat stehn? Hat seit viel'n Jahr'n nia Streit geb'n zwischen uns, kann mi net erinnern…."
"Es könnt' aber sein", gibt der Förg zu bedenken, "daß deine Kinder im Vorbeigehn ihr a Schimpfwort zuagruaf'n oder sonst was Beleidigendes antan hab'n. Früher hat sie sowas schnell vergeß'n, aber jetzt im Alter is' sie empfindlicher word'n und rechnet den Eltern an, wann sie die Kinder ärgern."
"Werd meine zwoa Bengin dahoam in's Gebet nehma in dera Sach'", versicherte die Bäuerin und fügte nach Mutterart hinzu, "aber wann es sich so verhaltn tät, dann is die Köblerin selber großteils schuld, denn die Kinder san halt so: wann sie merk'n, die betreffende Person ärgert si' und schimpft, dann fangt bei denen erst die Hetz an, aber ausbad'n können's dann die Eltern, denn die Fratz'n sein ja allemal g'schwinder als die Hex!"
Damit war ein Reizwort gefallen in einer Zeit, in der vielerorts die Scheiterhaufen rauchten! Man konnte indessen nie wissen, in welche Gegend des süddeutschen Raumes der nächste Funke dieses Wahnsinns überspringen würde.
"Ihr habt da a unguats Wörtl fall'n lass'n", tadelte der Förg, "grad ihr, Ranftlbäurin, sollt net so leichtfertig in da Red' sein — nehmt mir's net übl. Die Trankl und Salb'n nehmt ihr von dera samt den nützlich'n Ratschlag dazua und soviel mir bekannt, hat die "Hex" den brochenen Haxn von Eurem Schwager mit ihren Händ'n und Plastern wieder z'recht'bracht."
"Wofür mir bei der Belohnung bestimmt net knausrig g'wes'n sein", begegnet die Bäuerin schnippisch diesem Vorwurf.
"Wills glaub'n", entgegnet der Förg, "aber damit, mein i, habt Ihr Euch net zugleich das Recht erkauft, von ihr als Hex zu red'n!"
"Aber sie kann was", äußerte sich dazu der Tauberger, womit er sagen wollte, daß der Körblerin besondere Fähigkeiten obskurer Art eigen waren und fuhr fort: "wenn sie um Mitternacht bei Vollmond mit ihr'm Kräutersack bei an Haus vorbeigeht, ehvor sie dort sprüchemurmelnd steh'n bleibt, dann bleibt dort oane von den Jungküh'n für das Jahr unträchtig. Das is vor zwoa Jahr'n so g'west beim Stallbauern, das laß i mir net ausred'n!"
"Und wia war des voriges Jahr mit dem Daxberger", erinnert sich eben die Kircholzerin, "wia der geg'n Mitternacht hoamgangen is und bei der Kapelln an der Weggab'lung den Teufl übern Zaun springa siacht? I sag, bei euch drinnen geht manches net mit recht'n Dingen zua."
"Und i sag", bemerkte dazu der Zainhammermeister, "beim Daxberger war nit der Teufl im Spiel, sondern der Bierdunst; ansonst'n hät' er in der ruassig'n G'stalt mit der queraufg'setzt'n zwoazipflig'n Haub'n den Grabnbauern derkenna vermög'n, der von sein Kohlnmeiler unterwegs war. Dös bin i nämlich scho längst innerword'n."
Das damit ausgelöste allgemeine Gelächter ließ nicht erkennen, inwieweit diese "Spuk"-Erklärung akzeptiert worden war, und im übrigen lud bereits eine flotte Weise zum nächsten Tanz.
Die Beschäftigung des Menschen mit dem Übersinnlichen reicht bekanntlich bis in die fernste Urzeit zurück, waren doch die jenem Bereich zugehörigen Kräfte für sein Leben und über dieses hinaus weitgehend mitbestimmend. Für unsere heidnischen Vorfahren war die ganze Natur belebt. Götter, Dämonen, Nymphen, Kobolde, Zwerge und andere Geistwesen wirkten allenthalben in ihr und standen nach altem Glauben in reger Wechselbeziehung zum Menschen. Sie wurden an heiligen Stätten verehrt, es gab Priester und Priesterinnen sowie weise Frauen, welche die Zukunft voraussagen konnten und sich auf Wundheilung, Kräuterwirkung u. ä. verstanden. Wahrscheinlich wirkten sie auch als Hebammen.
Die Vorstellung von Mächten des Guten und Bösen wurde später bei der Christianisierung mitübernommen und dabei vieles abgewertet: Die einstige Gabe der Weissagung bei den Frauen wurde mit der Tätigkeit des Teufels in Zusammenhang gebracht, sie selbst und die heidnischen Priesterinnen machte man zu Hexen. Ihr Handeln und Treiben galt fortan als böse und dämonisch, denn ihre Zauber- und Hexenkünste beruhten auf geheimen Kenntnissen der Natur. Diese war aber dem Machtbereich Luzifers, des Herrn der bösen Geister und der Hölle, zugeordnet.
Die also in christlicher Zeit als ketzerisch bezeichneten Praktiken der weisen Frauen, die sie meist in Verbindung mit magischen Handlungen vor allem unter den Armen auf dem Lande zur Anwendung brachten, trug ihnen ihre Verfolgung als Hexen ein. Doch nicht dieser Umstand allein war hiefür verantwortlich, denn bezeichnenderweise fällt der Beginn dieses Zeitabschnittes mit jenem des Aufkommens der studierten Ärzte zusammen, deren Künste sich größtenteils auf das aus dem Altertum überlieferte Wissensgut und das der Naturheilmittel stützte.
Nach dem Tanz hatten sich die Tischrunden wieder an ihren Plätzen ein gefunden. Alsbald drehte sich das Gespräch am gleichen Tisch wie vorhin um Hexen, Kräuterweiblein, Wendterinnen, Berg- und Waldgeister und dergleichen.
Jakob, den Schmied von Mühlbach, der bisher kaum zum Thema beigetragen hatte, bat man nun nachdrücklich um seine Meinung. Er als besonders in der Tierheilkunst, aber auch als Bader in der Anwendung von Pflastern und Salben sowie in der Kunst des Schröpfens und Aderlassens bewandert, müßte doch dazu eine haben!
"Wann ihr scho Wert legt", begann er nach einem kräftigen Schluck in seiner bedächtigen Art, "was i über derlei Sach'n denk', so muaß i sag'n, daß i mir bei den meisten net viel Gedanken mach', insonderheit was Geister, Kobolde, Mahre und dergleich'n anbelangt. Mir is a no koans von derlei Wes'n begegn't", und mit einem spöttischen Lächeln zur Kirchholzerin gewandt, "a no koa über den Hagzaun springender Teufl! Viel von unseren Bräuch' geht auf unsere heidnisch'n Urväter z'ruck und beruht auf Geisterglaub'n. Trotzdem red't ma bei denen net von Aberglaub'n, weil ma ihnen später a christlichs G'wand 'gebn hat und den Seg'n der Kirch'n dazua."
"Wo aber hebt der Aberglaub'n an und wia wird aus an Kräuterweibl a Hex" wollte der Tauberger wissen.
"Da fragst aber z'vül auf oanmal", erwiderte der Schmied, dessen Stirnrunzeln auf rege Gedankenarbeit hinwies. "…. was Aberglaub'n is und was net, das b'stimmen seit langem die Doctores der Theologie und zuletzt der Papst. Zu den Hex'n und Kräuterweibern könnt' ma scho mehr sag'n: So wia mir uns beim Ansez'n und bei der Aussaat nach der Sonn, dem Mond und den Tierkreiszeich'n — nach Schein und Zeich'n, wia ma sagt — halt'n, so is' a beim Sammeln von Kräutern. Dabei ergibt si', daß g'wisse Pflanz'n bei Nachtzeit und Vollmond g'sammelt werd'n müaß'n, wias halt beispielsweis d' Köblerin macht. Was is denn dran B'sonderes? Bei den Bäum' is' grad so wichtig, daß ma sich danach richt'n tuat."
Zum Tauberger gewandt fuhr er fort; "Wia dei Vater nach dem Brand euer Häusl wieder aufbaut hat, hab i als Bua den Zimmerleut'n machmal zuag'schaut, und da hats g'hoaßn, das Holz dazua is' zwisch'n Christtag und Neujahr g'schlagn wordn."
"Ja, hast recht", bestätigte der Tauberger, "bei den Tischlern und Zimmerleut' halt ma si' nach den alten Regln, wo's hoaßt: Wer sein Holz zur Christmett fällt, dessen Haus wohl zehnfach hält."
"Mei Vater", vermerkt dazu der Zausmüller, "hat g'sagt, das Bauholz soll ma schlag'n, wann der Mond am kloansten is', dann dörrt es net und spalt si' net, und wann ma's in den letzt'n Dezember- oder den erst'n Jänner- tag'n schlägert. wird's net vom Wurm g'fressn und wird mit der Zeit alleweil härter. Schau dir das Auergütl an, wia das no dasteht seit über dreihundert Jahrn, koa Brett an der Gieb'lwand is' g'spaltn oder verzog'n. Oder 's Mayr z'Dambach. d'Stöcklfurt, d'Ranftleit'n und etliche auf da Höh ob'n, die alle guatding mehr als dreihundert Jahr' steh'n."
Worauf der Förg gerne wissen wollte, woher dem Zausmüller dies bekannt sei.
"Ja", fährt dieser fort, "das hat mir mei Ahnl — Gott hab ihn selig — erzählt, und der hat's vom seinigen Ahnl — zu dem seiner Zeit hab'n die Höf scho bestand'n!"
Und so wurde von diesen und anderen Höfen, Mühlen, Schmieden, Brettersägen und anderen Altbeständen der Gegend erzählt und geplaudert.
Man kam dann wieder auf die Beeinflussung irdischer Lebensvorgänge durch Mond und Sterne zu sprechen. Nach allgemein geübter Praxis pflanzte bzw. säte man Rüben, Rettich und Möhren nur bei abnehmendem, hingegen Kraut, Erbsen, Blumen und überhaupt alles, was nicht unter, sondern über der Erde fruchtet, bei zunehmendem Mond. Warum sollte da Mensch und Tier diesem Einfluß entzogen sein? Für den Schmied gab es hierüber keinerlei Zweifel. Demgemäß waren die Himmelskörper auch sehr mitbestimmend bei seiner baderischen Praxis. Wenn er bei jemandem selbst oder bei dessen Roß zu Ader lassen oder schröpfen sollte, so ziehe er vorher immer seinen Kalender zu Rate, in welchem hiefür die richtigen und die falschen Tage säuberlich vermerkt seien. Das habe mit Aberglauben, so versicherte er, nichts zu tun, sondern dies wären ganz alte Überlieferungen.
"Weil mir aber vorhin von de' Hexn g'redt hab'n", verlautet die Ranftlbäuerin, "fallt mia a sonderbare G'schicht ein, die mia d'Muater erzählt hat: Da hab'n im Lumplgrab'n die Mutzenleut g'lebt, wobei die Weiberleut von der Familie als Hexn bekannt war'n. I woaß net worum, aber einmal wollten d'Jaga oane von denen abschiaß'n. Das hättn's aber nur dann z'wegbracht, wenn's in die Büchs'n statt der Kugl kloane Stückln von einer dreimal in Mariazell g'weihten Kerz'n tan hätt'n. So aber is' ihnen, durch den Krach erschreckt, die Hex wild entgegeng'fahrn und sie san auf und davon, als wenn der Teufi hinterher wär."
Daß die Hexen nur einen beschränkten Schutzzauber um sich selbst legen konnten, erhärteten mancherlei Begebenheiten, wie etwa die folgende, von der Taubergerin erzählte: "Unterhalb der Rebensteinermauer steht das Maurer-Häusl. In dem hat vor Jahr'n a braver Mauer und in der Nachbarschaft die Söldenbäurin g'lebt, die in der Umgebung als Hex' bekannt war.
Da merkt der Maurer-Hartl eines Tag's, daß seine oanzige Kuah koa Milch mehr gibt, was er auf an bös'n Bann der Nachbarin z'ruckführt. Damit er den löst, geht er her und steckt mit der Spitzn a Eis'nstangan in' Herd, bis' glühend wird, geht damit dreimal um's Haus und stößts dann unter der Dachtrauf in die Erd'. In der folgend'n Nacht is' d'Söldenbäurin g'storb'n."
Von einer verhexten Begebenheit in der Laussagegend wußte die Förgen-Frau zu erzählen: "Da is im Revier am Platt'nberg drüb'n a Bauer wieder einmal als Wildschütz unterwegs g'wesn und war mit sein Rehbock durch die Loambichlerwand so um die Mitternacht aufm Hoamweg. Wia er das Hagtürl aufmach'n will, hinkt nur wenige Schritt entfernt auf an Haslsteck'n g'stützt, die in der dortig'n Geg'nd als Hex verschriene Bäuerin langsam vorüber. Wia der Bauer sie hat anred'n woll'n, war's spurlos verschwundn vom Hag."
"Da hat halt dem Wilderer sei' Phantasie arg mitg'spielt", bemerkt dazu der Zaußmüller zweifelnd, worauf die Erzählerin ergänzend berichtet:
"Was sagst aber dazua, daß am nächsten Morg'n der Sohn von der Bäuerin in's Haus vom Wildschütz'n komma is' und ihn bitt hat, es möcht ihm wer behilflich sein beim Anziehen seiner Mutter, die um Mitternacht gestorben sei?"
Es wäre sicherlich noch die eine oder andere "verhexte" Geschichte zum Besten gegeben worden, wenn nun nicht an einem der Nebentische Sangesfreude aufgekommen wäre, die alsbald auch die übrigen Gäste erfaßt hatte.
Von schönen Stimmen getragen, erklang manches Lied, dessen Inhalt meist dem Lebenskreis der Nagel- und Zweckschmiede, der Flößer, Schiffleute, Jäger und Fuhrleute entstammte.
Mir San ja die lustig'n Hammerschmidgsölln, könn'ma dableib'n, könn'ma fortgeh'n, könn'ma toan, was ma wölln. San ma schwarz, san ma weiß, ja was liegt denn daran, solang si'a Hammerschmid awasch'n kann.
Blau Monta, blau Irta, das is'uns alls oans. Wann ma a Geld hab'n, tan ma an Rausch hab'n, Wann ma an Rausch hab'n, hab'n ma koans.
Gebt's Wein her, gebt's Bier her, gebt's Hollerschnaps, bei uns da geht's groß her, bei uns gibt's nix Knapps. Was is' denn das für a lumpige Herbergswirtschaft, mir haun ma d'Stuhl z'samm, mir haun ma d'Bänk z'samm, mir haun ma all's z'samm mit Kraft.
Drum Hammerschmid, Hammerschmid, hammerts nur zua und wann ma gnua g'hämmert ham, geb'n ma a Ruah.
Und schon erklang kurz darauf am Nebentisch ein Fuhrmannslied:
Macht der Hahn in da Fruah den erst'n Krahrer, so röck i' mei' Köpferl auf d'Höh, i' bin halt a Fuhrmann a schwarer, nimm d'Peitsch'n in d'Hand und schrei hö. I' schrei hü, i'schrei hö, i' schrei alleweil wüstahahö.
I' han halt zwoa kohlschwarze Rapperl, san eing'spannt in an vierzöllig'n Wag'n, i' han halt mei Freid, wanns' schen trapperln.
dös kann i' koan Mensch'n net sag'n. I' schrei hü, i 'schrei hö, i' schrei alleweil wüstahahö.
I han halt a bildsaubers Maderl, is' g'schniazt aus an eigenen Holz, die wascht ma vom Wag'n meine Raderl, drum bin i' auf sie gar so stolz. I' schrei hü, i'schrei hö, i' schrei alleweil wüstahahö.
Feste sind an sich, gleich, welchem Anlaß sie entspringen, den elementaren Bedürfnissen des Menschen zuzuordnen. Sie heben ihn aus den Zwängen und Pflichten des Alltags für eine Weile heraus. Während in diesem vorwiegend der Verstand regiert, so ist das Festgeschehen eine Domäne der Seele. Hier liegt der wahre Freiheitsraum des Menschen. Dort Profanes, den Notwendigkeiten des Lebens Verbindliches, hier kaum etwas an zwangsweise Verpflichtendem, zu Erledigendem oder zu Schaffendem. Das eine kann nicht ohne das andere bestehen. Nähme man, sofern dies ausführbar sein würde, einem Volk all seine Festlichkeiten, so stürbe seine Seele.
Schwinge dich, schmucker Hammerschmiedgesell, mit deinem Mädchen im festlichen Reigen, halte es fest mit deinem starken Arm und lebe voll diesen fröhlichen Stunden, denn sie sind dir nur spärlich zugemessen. Von diesen wird deine Erinnerung zehren in späteren Jahren, wenn man dich als nutzlosen Esser an fremden Tischen nur dulden und dir im Heu ein Nachtlager zuweisen wird!
Über das Tal hatte sich längst nächtliche Dunkelheit gelegt, die nun in dem Maße einem fahlen Licht zu weichen begann, als der überm Damberg aufgestiegene Mond aus den zarten Wolkenbänken sich löste. Ein sanfter Wind rührte an den Kronen der mächtigen Birnbäume vor dem Hause am gegenüberliegenden Wegrand. Ab und zu löste sich eine von den überreifen Früchten und raschelte durch das Geäst zu Boden.
Der Wirt hatte sich eine kleine Verschnaufpause gegönnt und war, zugleich nach dem Wetter ausschauend, vor die Haustür getreten. Kathi, die Aushilfskellnerin, fand es an der Zeit, den Tanzboden einmal ordentlich zu lüften, zu welchem Zweck sie die beiden straßenseitigen sowie das dem rückwärtigen Hof zugewandte Fenster weit aufspreizte. Ein Gemisch verschiedener Gerüche zusammen mit bläulichem Tabakrauch drängte sich dabei ins Freie, ebenso ein buntes Stimmengewirr, aus dem sich oftmals laute Worte und fröhliches Lachen abhoben.
Doch dieses Klangbild begann sich plötzlich zu ändern: Während einige erregte Männerstimmen an Lautstärke gewannen, verebbte das allgemeine Gespräch der anderen. Dies wertete der aus Erfahrung gewitzigte Wirt als Alarmzeichen und strebte sogleich, mehrere Stufen auf einmal nehmend, nach oben dem Streitherd zu.
Dort war eben der Laimer, seines Zeichens Zweckschmied, dabei, mit erheblichem Stimmaufwand einen Burschen zu belehren, daß man hier ein "Dreintanzen" ohne Mahlbuschen auf dem Hut nicht dulde, und glaubte seinen Worten besonderen Nachdruck geben zu müssen, indem er die Joppe seines Kontrahenten an der Knopfreihe in festen Zugriff nahm.
"Laß deine Pratz'n von mir", quittierte der Bursch diese Handgreiflichkeit und wurde von seinem nun die Szene betretenden Freund unterstützt mit der Drohung "Auslass'n, sag i', sonst könnt's sei', daß i' grob werd'!"
Worauf sich die massige Gestalt des Wirtes dazwischenschob mit der Aufforderung "G'rauft wird bei mir net, net unter mein' Dach! Tragt eure Sach'n woanders aus, wenn's scho sein muaß… geht von mir aus außi, aber net da herinnen."
Diese als Vorschlag zu wertenden Worte entsprangen wohl der Überlegung des Wirtes, daß er seinen Gästen, an denen er heute gut verdiente, das Vergnügen einer Rauferei nicht vorenthalten sollte; jedoch ohne wirtschaftliches Risiko seinerseits.
Das Wörtchen "außi" gab offenbar den beiden Burschen, die sich als Messerer aus der Laussa deklariert hatten, in Anbetracht ihrer strategischen Aussichtslosigkeit den Impuls zu einem spontanen Entschluß: ehe sich's die anderen versahen, waren die beiden zum hofseitigen offenen Fenster gestürzt und, schwupps, nach kühnem Sprung unten auf dem weichen Misthaufen gelandet. Während nach ein paar Augenblicken allgemeiner Verblüffung sich des Wirtes Miene ob solch willkommenen Verlaufs der Dinge erhellte, begannen einige der Schützen die Verfolgung aufzunehmen; natürlich nicht auf dem luftigen Weg durch das Fenster, denn das wäre unter ihrer Würde gewesen, sondern polternd über die Stiege hinab.
Für die Flüchtenden war der erzielte Vorsprung nur ein sehr kurzer gewesen, denn kaum waren sie auf die Straße gelangt, hinderten sie von hinten zulangende Hände am Weiterlaufen.
"Heh", rief dabei einer der Verfolger,"san dös sonderbare Bräuch', si' auf derlei Weis' z'druckn samt der Zech'!"
"Wia dö ausschau'n!" stellte ein anderer fest, der den einen Ausreißer eben fest in den Griff bekommen hatte und im matten Mondlicht an dessen Schuhen und dem Hosenboden deutliche aus dem Landeplatz von vorhin stammende Spuren feststellte.
"Und stink'n tuat der, zehn Schritt gengan Wind", gab er dem eben nachkommenden Zweckschmied bekannt. Dieser war nie der Schnellste im Laufen gewesen; doch dies mochte durch seine beachtliche Leibesfülle bedingt sein.
Dafür erwies er sich stets als listen- und einfallsreich!
"Ihr zwoa", wandte er sich den Burschen zu, "sollt net sag'n könna, mir Dambacher Schütz'n hätt'n euch voller Dreck und stinkend wia die Ferk'ln hoamgeh'n lass'n. Na. dös mecht'n mir auf gar koan Fall! Mir san für Sauberkeit — und dazua braucht ma Wasser, viel Wasser. Aba dös hab'n mir ja gleich um die Eck'n."
Im Nu hatte man trotz heftiger Gegenwehr die beiden in eine geeignete Transportlage gebracht und unter dem Kommando des Zweckschmieds ging es zum Fluder des benachbarten Hammerwerkes als dem vorgesehenen Reinigungsbad. Dort angelangt, wurden die Burschen beruhigt: "Braucht nix Arges befürcht'n, schon weg'n der guaten Nachbarschaft. Mir san koane Scherg'n und Bütt'ln, wia si unsere Herrn auf uns ansetz'n, sondern rechtschaffene Arbeitsmensch'n wia ös. Alsdann die Joppn ausziag'n… d'Hosn muaß wieder sauber werd'n!"
Und so vollzog sich dann das Hosenbodenwaschen mit viel Geschrei und Gejohle — eine Riesenhetz für alle, die dabei waren, ausgenommen natürlich die "Benetzten", die aber alles ohne Schaden überstanden haben.
Es hat jedoch recht lange gedauert, bis sich die beiden aus der Laussa wieder bei den Dambachern sehen ließen.