Die Nagelschmiede im Dambachtal
Franz Sallinger
Ein altes Handwerk wird wiederbelebt
Von Franz Sallinger
Das Dambachtal ist eingebettet in einen Kranz von 800 m hohen Bergen, im Talschluss dicht bewaldet, mit steilen Wiesen, die zum Dambach abfallen und der Landwirtschaft nur kargen Raum gewähren bis hinaus zur Enns, in die der Dambach fließt und den Anschluss schafft nach Garsten und zur Stadt Steyr. Heute ist das Dambachtal, eine Ortschaft der Marktgemeinde Garsten, zusammen mit Mühlbach und Oberdambach ein beliebtes Wander- und Erholungsgebiet mit den Spuren einer alten Vergangenheit,
Im Waldgebiet, das zur gräflichen Herrschaft des Schlosses Lamberg in Steyr gehörte (heute Bundesforste), gab es Schindelhacker und Köhler. Sie lieferten die Holzkohle für die Kleineisenbearbeitung. Im Tal entwickelte sich eine eigene Dorfgemeinschaft. Dambach wurde seit dem 16. Jahrhundert zum Tal der Nagelschmiede mit eigener Zunft, die sich mit dem Handwerkszentrum in Steyrdorf und Aichet messen konnte und eine Konkurrenz zu Losenstein wurde. 1658 lebten 28 Nagelschmiede in Dambach, später gab es 38 Schmieden und zwei Zainhämmer.
Das Handwerk — die handgeschmiedeten Nägel wurden bis Ungarn, Russland, Türkei und Serbien verkauft — sicherte einen bescheidenen Lebensunterhalt. Mit dem Aufschwung der Industrie in Steyr (Josef Werndl, um 1850) und der maschinellen Herstellung der Nägel verlor das Handwerk seinen goldenen Boden. Viele Nagelschmiede gingen in die Waffenfabrik oder mussten umlernen: Der Lahrndorfer Nagelschmied Heinrich Putz wurde Schneider, Andreas Hebrank ging später in die Messerfabrik Hack. Um 1900 gab es nur noch vier Nagelschmieden. 1954 schloss die letzte aktive Nagelschmiede, die Josef Brettenthaler mit seinen Söhnen Kilian und Wilhelm betrieben hatte.
Als letzter Nagelschmied hat Wilhelm Brettenthaler 1985 einer Gruppe von fünf gelernten Schmieden das Schmieden der Nägel gelehrt und gemeinsam mit ihnen seine Kunst den Besuchern des Garstner Adventmarkts bis in sein hohes Alter von 92 Jahren (1996) rüstig und frohgemut vorgeführt.
Wilhelm Brettenthaler konnte von der alten Zeit erzählen. Mit dem durch ein Wasserrad betriebenen „Zainhammer“ wurde das per Floß aus der Eisenwurzen angelieferte Roheisen in verschieden starke Eisenstäbe, dem „Zoan“, vorgestreckt. Diesen Stab glühte der Nagelschmied an und schmiedete den Spitz, schlug sich ein Stück in der Länge des gewünschten Nagels am Schredel ab und schlug es in das Nageleisen. Er „scheibelte“ darauf den Kopf und schmiedete ihn je nach Art des gewünschten Nagels aus. In Dambach wurden vor allem Schuh- und Gebrauchsnägel geschmiedet: Mausköpfl, Zwecke, Büffel, Scherken, Spitzköpf, Kühzähnt, Eisl-, Plattl- und Hellernägel.
Die Tagesleistung eines 12-stündigen Arbeitstages betrug je nach Nageltype zwischen 800 und 1800 Stück pro Schmied, Mausköpfl bis 2000. Die Arbeit begann um 5 Uhr früh und dauerte bis 7 Uhr abends. An Samstagen wurde bis 2 Uhr gearbeitet, Sonn- und Feiertage waren frei, und am Montag endete die Arbeit nicht selten bald nach Mittag, wenn Vater Brettenthaler vorschlug: „Machen wir einen blauen Montag!“, Wilhelm Brettenthaler musste herzhaft lachen, als er das erzählte.
Die Nagelschmiede waren trotz ihrer schweren Arbeit kunstfertige sensible, kreative Menschen. Sie gestalteten in der Freizeit im Winter ihre „Nagelschmiedkrippen“,
"Um den kommenden Generationen das alte Handwerk überliefen zu können, wurde zur Oberösterreichischen Landesausstellung 1998 beim Gasthof Hammermeister, wo einst der Zainhammer und eine Nagelschmiede standen, eine Nagelschmiede nach altem Muster und unter Anleitung des letzten Meisters wiedererrichtet. Hier wird die alte Kunst originalgetreu vorgeführt, Und der interessierte Besucher kann selbst seine Mausköpfl schmieden.
Die Schauschmiede
- Über die ganze Längsseite des Hauses erstreckt sich der Besuchergang, von dem aus man den Nagelschmieden bei der Arbeit zusehen kann. Bilder aus der Dambacher Vergangenheit stellen den Bezug zu den Nagelschmieden her. Hier wird auch der Werdegang vom Erzklumpen bis zum Nagel in einfacher Form dargestellt.
- Die Schmiedstube ist ein einfacher und doch sehr heimeliger Raum mit Holzdecke, Lärchen-Fußboden, Kachelofen, Eckbank und Jogltisch, Kastl und Heferlbord. Im Herrgottswinkel steht eines der letzten echten Dambacher Nagelschmiedkripperl. Es stammt aus dem „Häusl im Perngraben No. 1", das schon 1647 eine „Naglschmidtgerechtigkeit" besaß.
- In der Nagelschmiedwerkstatt steht eine gemauerte Esse (Feuerstelle) mit einem uralten birnförmigen Lederblasbalg. In den gestampften Lehmboden sind drei Eichenstöcke eingelassen. Auf diesen sind die Vorrichtungen zur Nagelerzeugung befestigt: Nagelamboss, Dogge, Schredel, Nageleisen mit Keil, Hammerl und Schneller. Jeder Schmied hat einen dieser Arbeitsplätze zu seiner Verfügung. Damit die fertigen Nägel nicht auf den Boden fallen, sind die Stöcke mit einer Blech-Plattform verbunden, in der sich die Nägel abkühlen.
- Im Nebenraum (Hauswerkstatt) steht der Federhammer, auf dem größere Werkstücke bearbeitet werden. Auch ein „Schmied-G’sell“ ist hier bei der Arbeit zu sehen: Es ist eine Hammervorrichtung, bei der der Schmied den Hammer mit dem Fuß betätigt, damit er beide Hände für das Werkstück frei hat. Der Raum ist bis zum Dachfirst offen, um das Dröhnen des Hammers nach oben abzuleiten. Bemerkenswert sind die außen an den Fenstern angebrachten Blumenkistl nach alter Bauart,
Als Ganzes passt die Schmiede tadellos in das Dambachtal. Sie soll für alle Besucher Zeitzeuge einer vergangenen Tradition sein.