Bei uns springen die Feuerflöhe
Armin Walter, Die ganze Woche Nr. 21/15
Heuer wird in Dambach (OÖ) 400 Jahre Nagelschmiedekunst gefeiert. Schmied Oswald Seyer: "Bei uns springen die Feuerflöhe"
Einst lebte das ganze Dambachtal (OÖ) von der Erzeugung handgeschmiedeter Nägel. Doch mit Beginn der Industrialisierung endete diese Zeit. Im Jahr 1954 musste der letzte Nagelschmied seine Pforten schließen. Den Betreibern der Schauschmiede von Dambach ist es zu verdanken, dass dieses alte Handwerk noch nicht vergessen ist.
Heut' springen‘s wieder, die Feuerflöhe“, lacht Oswald Seyer. Was den 67jährigen geradezu verzückt, lässt dem Streifzügleı ehrfürchtig zurücktreten, Denn die vom Pensionisten geradezu liebevoll. benannten "Feuerflöhe" sind brennend heiße Funken, gegen deren nachhaltige Wirkung er sich mit einer dicken Lederschürze schützt und die entstehen, wenn Seyer mit seinem Gesellen den Zain bearbeitet, Auch der „Geselle“ ist kein ausgelernter Facharbeiter, sondern schlicht ein großer Schmiedehammer. An diese Namen gilt es sich erst zu gewöhnen, wenn in der kleinen Ortschaft Dambach, etwa acht Kilometer von Steyr (OÖ) entfernt, jenes Häuschen betreten wird, in dem ein rhythmisches Hämmern die idyllische Stille bricht. In der Schauschmiede von Dambach fertigen fünf Männer im Schweiße ihres Angesichtes Nägel. Ja, richtig gelesen, Nägel. Ein Gegenstand, wir — außer wenn ein Bild aufzuhängen ist — kaum Beachtung schenken, der aber früher einer ganzen Region Arbeit und Brot verschaffte.
„Genau vor 400 Jahren, im Jahr 1615, wurde hier die erste Nagelschmiede errichtet. In der Hochblüte besaßen 38 Häuser eine sogenannte Nagel-Schmiedgerechtigkeit“‘‚ weiß Seyer. Doch die industrielle Fertigung machte diesem uralten Handwerk den Garaus. „Um das Jahr 1900 gab es nur noch vier Nagelschmieden, 1954 schloss der letzte Nagelschmied von Dambach, Josef Brettenthaler, seine Werkstatt.“ Der nagellose Zustand dauerte bis zum Jahr 1998. Anlässlich der Landesaustellung kam wieder das Hämmern zurück. Eine Schauschmiede wurde beim Gasthof Hammermeister gebaut und mit drei originalgetreuen Arbeitsplätzen, Esse, Federhammer und Nagelschmiedstube eingerichtet. Wie gut, dass noch fünf gelernte Schmiede das Traditionshandwerk vom letzten Nagelschmied lernten. So können nach Vereinbarung Schulklassen und interessierte Laien Manfred Nöbauer, Oswald Seyer, Willibald Brettenthaler, Konrad Kletzmayr und Josef Wimmer zusehen, wie sie die Feuerflöhe springen lassen.
„Das ist der Zain“, nimmt Josef Wimmer einen etwa 50 Zentimeter langen Metallstab aus der Esse, dessen weißglühende Spitze Respekt einflößt und das Ausgangsmaterial eines jeden Dambacher Nagels darstellt. "Aber hinten kann der Zain angefasst werden. Die Wärme leitet sich nicht so schnell weiter", hält der 58jährige zum Beweis das Metall in der Hand. Dann macht er sich auf den Weg zum Amboss, denn auch der Nagel will geschmiedet werden, wenn das Eisen noch heiß ist. Mit einigen gezielten Schlägen mit dem Gesellen spitzt er zuerst den Zain mit dem Hammer an. "Und jetzt kommt das 'Aushammern', das heißt, gleichmäßig dünn ausschmieden, wobei hinten der Kopf verbleibt", beschreibt Wimmer den Vorgang, der ihm den Schweiß auf die Stirn treibt.
Vom Zain wird anschließend vorne das noch immer glühende Stück in der Länge des vorgesehenen Nagels abgehackt. "Aber nicht vollständig, sodass noch ein wenig von diesem kleinen Stück auf der Eisenstange haften bleibt."
Schließlich wird das Werkstück noch in das Nageleisen gesteckt und abgebrochen, der Kopf mit einigen Hammerschlägen niedergerichtet und in die gewünschte Form ausgehämmert. Von denen es die unterschiedlichsten Arten gibtund sie je nach Verwendungszweck gestaltet werden. "Bei diesem Nagel hab' ich das 'Mausköpfl' gemacht", zeigt Wimmer das fertige Werk. "Es diente zur Verzierung der Sohlen von feinen Sonntags- und Tanzschuhen."
Im Gegensatz dazu der "Scherkennagel", der zum Schutz der Sohle angebracht wurde. "Und auch einen guten Halt gegeben hat, weil vom Kopf zwei Flügel zum Boden gerichtet sind", zeigt der Nagelexperte Schuhsolen mit den verschiedensten Köpfen.
So waren früer auch die Hauptabnehmer der Nägel aus Dambach die Schuster. "Vereinzelt Zimmerer und die Eisenhändler, die sogenannten 'Schwarzen Grafen' aus Steyr."
Heutzutage können Besucher auch wieder die handgeschmiedeten Nägel käuflich erwerben, wenn auch nicht in solchen Mengen, wie sie damals produziert wurden.
"Die Tagesleistung eines zwölfstündigen Arbeitstages betrug je nach Nageltyp zwischen 800 und 1.800 Stück pro Schmied", sagt Seyer. "Die kleinen Nägel kosten 40 bis 50 Cent. Und so ein großer Nagel, der zum Beispiel für ein Kreuz verwendet wird, kostet je nach Größe zwischen vier und sechs Euro."
Bei den Preisen kann die Nagelschmiede aus Dambach natürlich nicht mit ihren Konkurrenten aus der Industrie mithalten. "Dafür ist jeder ein Einzelstück", lacht Seyer.